Der Hurensohn von der Förde

Sensationelle Neuinszenierung des Jahrhundertromans am Teatro Angelico

Ein Gastbeitrag von Dr. Flo Ryan-Baker

Kein Zweifel. Dem Teatro Angelikus ist mit der Berufung von Flo Ryan-Baker als Nachfolger von Regisseur Jörn Prüdemann ein großer Wurf gelungen. Flo Ryan-Baker ist freilich kein Unbekannter. Unvergessen sind seine grandiosen Inszenierungen am Bonner Burschenschaftstheater, bei dem er vor allem mit seiner Reality-Show „Mageninhalt auf Asphalt“ für Furore sorgte.

Flo Ryan Baker

Bekannt für seine brisant-frivolen Reality-Überraschungen: Dr. Flo Ryan-Baker

Mit einer sensationellen Neuinszenierung des Jahrhundertromans „Der Hurensohn von der Förde“ ist Ryan-Baker nun zweifelsohne endgültig der Aufstieg in die künstlerische Weltspitze gelungen. Aufgrund seiner brisanten Inhalte und seiner starken Ausrichtung an real existierenden Personen des öffentlichen akademischen Lebens hatte der „Hurensohn“ lange als „no go“ für filmische oder theatralische Aufarbeitungen gegolten. Ryan-Baker hat von dieser eingeschliffenen Sichtweise nicht beeindrucken lassen und den Roman im Lichte seines Reality-Ansatzes in einer Weise ins Szene gesetzt, die international hohe Wellen schlagen dürfte.

Dabei war die Zeit für eine Inszenierung des Romans mehr als reif. Der um die Jahrtausendwende entstandene Roman „Der Hurensohn von der Förde“ war von der Literaturkritik begeistert aufgenommen worden, kann er – vergleichbar den Robinsonaden – doch als Begründung eines eigenständigen Genres, der sog. Hurensohnade, begriffen werden. Mittlerweile sind eine Reihe von Folgeromanen erschienen, die das Hurensohn-Motiv aufgreifen, zuletzt etwa das autobiographische Werk von Earl Grey, „Sexuelle Kompensationseffekte unkontrollierter geistiger Ejakulation: Vorwort zu meinem 1000. Preprint“, erschienen als Paperback im Ratsch-Kathl Verlag Konstanz.

Im Kern des Hurensohn-Romans steht die brutale Konfrontation unterschiedlicher menschlicher Bedürfnisse und deren wechselseitige Bedingtheit. In ihrer exzessiven literarischen Aufarbeitung wird vor allem ein Spannungsbogen zwischen wissenschaftlich getriebenen Streben nach Transparenz und sexueller Triebbefriedung aufgebaut. Selbst der nahe an der Transparenz angekommene Akademiker wird durch sein Scheitern, den endgültigen Idealzustand zu erreichen, immer wieder in die Niederungen einfachster Triebsteuerung zurückgeworfen. In dieser geradezu animalisch anmutenden kognitiven Auszeit gewinnt das Individuum neue Energie, sein Streben nach philosophischer Letztbegründung aufs Neue und noch ambitionierter in Angriff zu nehmen, nur um kurze Zeit später erneut in einen triebhaften Komazustand abzustürzen. Das dialektische Aufschaukeln dieser Phasen lässt sich nicht wirklich auflösen und mündet im Hurensohn-Roman letztlich in einem hilflosen Deliriumszustand sowohl geistiger als auch sexueller Impotenz.

Im „Hurensohn von der Förde“ ist es der begnadete Philosoph Yussuf Kostüm (in Ryan-Bakers Inszenierung grandios interpretiert von Burgschauspieler Wolph-Krank Körstüng), der sich (so wie sich einst Carl Schmitt als Kronjurist des NS-Regimes begriff) als Kronphilosoph der neoliberalen Bundesrepublik der 1980er und 1990er Jahre versteht. Er weiß im Grunde alles, und das in der Regel besser als alle anderen. Er ist nahe dran, nur ganz hat er es freilich dennoch nicht geschafft: die verdammte Letztbegründung macht ihm nach eigenen Worten konstant zu schaffen. Nahe am Zenit seiner philosophischen Ambitionen lernt er bei einem Forschungsaufenthalt die sexuellen Reize einer einfachen Buchhalterin zu schätzen. Elke S. (dargestellt von der Laienschauspielerin Elke Schmatz aus Euskirchen-Ost) ist frustriert von ständigen Demütigungen und sexuellen Ausschweifungen ihres Lebensgefährten, dem kompromisslosen italienisch-stämmigen Installateur Stronzo (brillant gegeben von Angelikus Pharphallus, dem diese Rolle geradezu auf den Leib geschrieben ist). Als Stronzo seine sexuellen Avancen bis in die Chefetage des Instituts ausdehnt, an dem Elke S. beschäftigt ist, gibt die einfache Buchhalterin endgültig dem plumpen Werben des giertriefenden Kostüm nach. Doch Kostüms Geilheit macht vor der kognitiv-gedeckelten Buchhalterin keineswegs Halt. Schon bald findet er sich als Dauergast in nahegelegenen Bordellen wieder, wo er sich mit dem ebenfalls an seinem Transparenzstreben scheiternden Institutsmitarbeiter Sching Schang (Heinrich Schong, der Schlitzäugige) um das zur Stillung seines Lusthungers kaum ausreichende Damenpersonal streitet. Frustriert durch die Kombination unzureichender wissenschaftlicher und sexueller Befriedigung zieht sich Kostüm aus nichtigem Anlass (einer angeblich beleidigenden Email-Fälschung, in der er von diversen Jungeinzelwisenschaftlern indirekt als deutscher Altphilosoph charakterisiert worden war) entnervt aus dem Institut zurück und endet schließlich in einem katholischen Männerwohnheim.

Ryan-Bakers künstlerischer Verdienst besteht in der eigenwilligen Kombination erfahrener Schauspieler und einzelner Laiendarsteller, wie etwa der die Buchhalterin verkörpernden Elke Schmatz aus Euskirchen-Ost, dem Institutswachhund (lebensnah dargestellt von Robert Voigtsberger), oder Herrn Feldbusch aus Verona, dem Tausendsassa aus der EDV-Abteilung. Die sensationelle Innovation, die Ryan-Baker dabei gelingt, ist die Erzeugung einer Reality-Konstellation, in der den Laienspielern gar nicht bewusst ist, dass sie Teil einer theatralischen Inszenierung sind. Sie verstehen sich vielmehr als real handelnde Personen in einem von ihnen als normales Arbeitsverhältnis wahrgenommenen Umfeld. Auf diese Weise gelingt es Ryan-Baker jenseits einer vollkommen neuartigen Aufarbeitung der Hurensohnaden eingenständige Spannungsmomente zu kreieren. So ist der Handlungsverlauf von Vorstellung zu Vorstellung unterschiedlich; nicht immer gelingt es etwa dem aufgegeilten Kostüm, die Buchhalterin „herumzukriegen“. Dieses völlig innovative Improvisationstheater setzt freilich höchste Ansprüche an das schauspielerische Profi-Personal. Mit der Verpflichtung von Angelikus Pharphallus als „Stronzo“ und Wolph-Krank Körstüng als „Yussuf Kostüm“ ist Flo Ryan-Baker hier ein ganz großer Wurf gelungen.

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